Künstliche Intelligenz in der Medizin

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Chance auf ein gerechteres, gendersensibleres Gesundheitssystem?

Es war im Juni dieses Jahres, als wir die gemeinsame Gesundheitsreihe der Petra-Kelly- Stiftung und der Interkulturellen Stiftung Kolibri „GESUNDHEIT FÜR ALLE ist machbar“ mit dem Vortrag von Dr. Umes Arunagirinathan eröffnet und uns zum ersten Mal wieder live getroffen haben. Und es war ein großes Glück, dass die zweite Veranstaltung gerade noch stattfinden konnte, bevor wir unser Leben aufgrund der Epidemie wieder deutlich einschränken müssen.

„Künstliche Intelligenz in der Medizin: Chance auf ein gerechteres, gendersensibleres Gesundheitssystem?“ Das Thema ist komplex, doch die Referentin Brigitte Strahwald (Ärztin, Epidemiologin und Medizinethikerin) sortierte für uns die Bereiche Künstliche Intelligenz und Gendermedizin, um sie dann in der Vision eines „gerechten Gesundheitssystems“ zusammenzuführen.

Große Datenmengen sind die Basis – aber so einfach ist es nicht

Die Basis von künstlicher Intelligenz, so Brigitte Strahwald, sind große Datenmengen. Diese werden so zusammengefügt und „trainiert,“ dass dadurch Muster erkennbar und Wahrscheinlichkeitsberechnungen erstellt werden können, wie sie am Beispiel der Analyse von Röntgenbildern ausführte.

Nun ist es nicht so einfach mit den Daten. Die verfügbaren Daten kommen aus sehr unterschiedlichen Bereichen (Studien/ Registerdaten/ Aufnahme- und Entlassdaten der Krankenkassen u.a.), werden zudem meist nicht genderspezifisch erhoben, die verwendeten Begrifflichkeiten sind nicht aufeinander abgestimmt oder es werden Daten falsch miteinander verknüpft und führen zu Verzerrungen.

Welche Konsequenzen dies gerade für die Diagnose und Behandlung der Erkrankungen von Frauen haben kann, macht die Referentin am Beispiel von Martha Muster deutlich: Martha hat seit Tagen unklare Beschwerden, zunehmende Angstzustände und geht nach einigen Tagen zum Arzt. Der Arzt kommt zu keiner klaren Diagnose und es vergeht viel Zeit, bis Martha in der Notaufnahme landet. Dort wird ein Herzinfarkt diagnostiziert.

Was ist mit „Gendermedizin“?

Herzinfarktsymptome werden „klassischer“ Weise mit Brustschmerzen ausstrahlend in den linken Arm beschrieben. Diese Beobachtung beruht auf Daten, die bei Männern erhoben wurden. Es hat viele Jahre gedauert, bis festgestellt wurde, dass diese Symptomatik bei Männern häufig, bei Frauen aber selten zutrifft. So wird bei Frauen häufiger viel Zeit verloren, bis sie richtig behandelt werden.

Inzwischen ist die unterschiedliche Symptomatik bei Herzinfarkt unter Medizinerinnen und Medizinern relativ bekannt. Dies hat nicht dazu geführt, dass eine geschlechtsspezifische Diagnostik grundsätzlich mitgedacht wird. Auch ist der Bereich Gendermedizin nach wie vor kein fester Bestandteil der Ausbildung von Mediziner*innen.

Es hat leider auch nicht dazu geführt, dass Daten nach Geschlecht erhoben werden oder in der pharmazeutischen Forschung entsprechend unterschieden wird – und dies obwohl dazu die Verpflichtung besteht, wenn ein Medikament für alle Erwachsenen entwickelt wird.

Differenziertere Datenerfassung nötig

Sowohl die Referentin als auch Mareike Nieberding, die den Vortrag von Brigitte Strahwald mit ihren Fragen unterstützte und das Gespräch mit dem Publikum moderierte, haben durch den aktuell vorgestellten Koalitionsvertrag große Hoffnung, dass Daten zukünftig differenzierter erfasst werden. Solange es noch nicht so ist, sollten wir „offensiv und stur“ hinterfragen, woher Entscheidungsgrundlagen für empfohlene Behandlungen und Risikoeinschätzungen kommen.

Künstliche Intelligenz auf der Grundlage solider und differenzierter Daten kann zur Verbesserung der Diagnostik (z.B. Beurteilung von Röntgenaufnahmen) führen. Sie kann dazu beitragen, dass wir länger selbstbestimmt in unserem Wohnumfeld leben können, auch wenn wir uns keine Unterstützungskräfte leisten können.

Vorteile von KI in der Medizin

Mit Hilfe von Übersetzungsprogrammen kann sie die Kommunikation zwischen Therapeut*in und Menschen unterstützen, die sich sonst nicht verständlich machen können. Indem Routineaufgaben mit Hilfe von KI erledigt werden könnten, kann Zeit für das gemeinsame Gespräch zwischen Ärztin/Arzt und Patient*in gewonnen werden.

Diese Beispiele verdeutlichen, dass sich die KI-Forschung an dem gesellschaftlichen und menschlichen Bedarf orientieren müsste. Unter dieser Voraussetzung kann große Hoffnung auf KI liegen, tatsächlich zu einem gerechteren Gesundheitssystem beizutragen – mit diesem Lichtblick beenden Brigitte Strahwald und Mareike Nieberding diesen interessanten Abend.

Dankenswerter Weise hat Bianca Dietz von der Petra-Kelly-Stiftung dafür gesorgt, dass der Vortrag gestreamt wurde und weiterhin online zur Verfügung steht:

Dieser Vortrag fand am Donnerstag, 25. November 2021, 19.00 Uhr in der Evangelischen Stadtakademie München, Herzog-Wilhelm-Str. 24 statt.

Anfang des kommenden Jahres wollen wir im Rahmen dieser Reihe die gesundheitliche Versorgung geflüchteter Menschen in Lagern und Massenunterkünften beleuchten.