Verstehen ist nicht nur Sprache

Landkarte mit bekannten Fluchtrouten aus Afrika nach Europa

Bericht von Refugio München

Landkarte mit bekannten Fluchtrouten aus Afrika nach Europa
Bekannte Fluchtrouten aus der Demokratischen Republik Kongo nach Deutschland. Kristina erinnert sich nur an einzelnen Fluchtstationen.
Zeichnung: Kilian Kammeter

Kristina hat ihre Therapie bei Refugio München nach zwei Jahren so gut wie beendet. Sie macht eine Ausbildung zur Pflegehelferin im Krankenhaus und spricht fünf Sprachen. Die junge Frau kam allein nach Deutschland. Ihr Mann und ihr Sohn wurden im Kongo ermordet. Ihre Flucht war lang und voller Angst; sie hat entsetzliche Gewalt erlebt. Doch zunächst musste Kristina auf einen Therapieplatz warten– rund 80 Prozent der Anmeldungen für eine Therapie müssen abgelehnt werden, weil die Kapazitäten nicht ausreichen.

Ihre Therapeutin erinnert sich: „Sie kämpfte die ganze Zeit mit den Tränen. Über das Schicksal ihrer Familie konnte sie kaum sprechen. Wir wussten durch die Anmeldung von der Gewalt, die sie erlitten hatte – aber wir fragten nicht danach. Dafür brauchte es erst Vertrauen.“ Kristina erzählt: „Ich musste so viel weinen. Es war unglaublich anstrengend. Aber am Ende habe ich gespürt: Dort werden sie mir helfen.“

Dass sie 2 Stunden zu jeder Therapiesitzung fuhr, war ihr nie zu viel: „Es hat mir so viel gebracht.“ Als es um ihr Asylverfahren ging, begleitete ihre Therapeutin Katrin Kammerlander-Straub sie zur Anhörung. „Damals habe ich nur Katrin vertraut. Ich hatte kein Vertrauen mehr ins Leben. Aber mit ihr an meiner Seite war ich nicht mehr so allein. Ich wusste: Es gibt Menschen, die auf meiner Seite stehen.“

Kristina begann Schritte ins Leben zu wagen: sie lernte Fahrrad fahren, fing an zu malen, ging in die Bibliothek und machte Sport mit anderen. Und sie wagte sich an ihren größten Wunsch: eine Ausbildung. Dafür musste sie erst ihren Schulabschluss nachholen – und ihn selbst finanzieren. Kristina arbeitete bei McDonalds, sparte 3.000 Euro und bekam zusätzlich Unterstützung.

Lächelnde PflegehelferinNach einem sehr guten Abschluss erhielt sie einen Ausbildungsplatz als Pflegehelferin. „In meiner Heimat war es selbstverständlich, dass man sich um die Kranken und Alten kümmert. Ich wollte das auch hier tun – ich helfe sehr gerne anderen.“ Obwohl Kristina schwerste Gewalt erfahren hat, ist sie jetzt wieder gerne mit anderen Menschen zusammen und genießt es, sich um andere kümmern zu können.

In einem Wohnheim für Auszubildende hat sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein eigenes Zimmer. „Es ist so schön, endlich Ruhe zu haben. Niemand, der einfach hereinkommt, kein Lärm mehr.“ Kristinas große Hoffnung ist, die Ausbildung erfolgreich zu beenden, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, unabhängig zu sein. Vielleicht eines Tages Freundinnen zu finden – vielleicht auch wieder eine Familie.

Millionen Frauen und Kinder flüchten vor Kriegen. Laut UNICEF erfährt fast die Hälfte der Frauen aus Ländern südlich der Sahara auf der Flucht nach Europa mindestens einmal sexualisierte Gewalt. Frauen, die alleine reisen, Schwangere, Frauen mit Behinderung oder ältere Frauen sind besonders gefährdet (Quelle: UNCHR) Bekannte Fluchtrouten aus der Demokratischen Republik Kongo nach Deutschland. Kristina erinnert sich nur an einzelnen Fluchtstationen.

Die Täter sind Schlepper, Menschenhändler, männliche Mitgeflüchtete aber auch Polizisten oder Soldaten, die geflüchtete Frauen schützen sollten.


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