Angekündigt als „Vortrag – Lesung – Gespräch“ bot der Münchner Autor und Fotograf Pierre Jarawan den Gästen der Interkulturellen Stiftung Kolibri am 9. Juni keine traditionelle Lesung, sondern eine hybride Bild-Text-Vorstellung seines neuen Romans „Frau im Mond“. Dessen weit gespannter Erzählbogen, der sich über rund einhundert Jahre erstreckt, führt von den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis in die problematische Gegenwart des heutigen Libanon.
Jarawan, Poetry-Slam-Champion, Schriftsteller und Absolvent der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film, erläuterte mit Hilfe von alten Schwarz-Weiß-Fotos und persönlichen Erzählungen die Genese seines Werks, das vom Spiegel in die Liste der 20 besten Romane des Jahres 2025 aufgenommen wurde. Ein zentrales Thema ist dabei der Versuch einer Eroberung des Weltraums von libanesischem Boden aus.
Ein legendärer Stummfilm inspiriert
„Frau im Mond“: Ein geheimnisvoller Roman-Titel, der an den legendären Science-Fiction-Stummfilm des deutschen Regisseurs Fritz Lang aus dem Jahr 1929 erinnert. Und just dieser Film ist es, der eine der Schlüsselfiguren des Romans, den Wissenschaftler Maroun el Shami, schon als Kind begeistert und später dazu veranlasst, mit einer Gruppe von Studenten in Beirut selbst Mondraketen zu entwerfen und zu bauen.
Meisterhaft verknüpft Jarawan in „Frau im Mond“, dem letzten Teil seiner Libanon-Trilogie, zwei historische Ereignisse – die längst vergessene Zündung einer Weltraumrakete der „Lebanese Rocket Society“ am 4. August 1966 und die verheerende Explosion im Beiruter Hafen am 4. August 2020 – mit einer komplexen, Familiengeschichte. Konzipiert wurde der Roman, dessen Kapitel wie beim Countdown einer Rakete von oben nach unten durchnummeriert sind, lange bevor die Artemis-2-Mission der NASA in diesem Frühjahr die unbekannte Rückseite des Mondes erkundete.
Träume von gestern…
Der Libanon gilt heute in erster Linie als Kriegs- und Krisenregion, als ein gespaltenes, korruptes Land, das wirtschaftlich am Boden liegt und im Machtkampf der großen Player im Nahen Osten zerrieben zu werden droht. Die jüngste Eskalation der bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen der proiranischen Hisbollah und Israel haben die humanitäre Notlage weiter verschärft.
Da erscheint es als abwegig, dass 1966 die kleine „Lebanese Rocket Society“ eine Weltraumrakete zündete, um den Libanon in eine blühende Zukunft zu führen und sich damit auf ein Feld wagte, auf dem sich die Großmächte USA und Russland tummeln. Aber – ebenso wie der Wissenschaftler Professor Manfeldt in Langs Stummfilm lauthals ausgelacht wird, als er behauptet, eines Tages werde eine bemannte Rakete zum Mond fliegen – so wagt auch Maroun el Shami von einer Utopie zu träumen. Inspiriert von Fritz Langs Filmepos, das er als zehnjähriger Immigrant aus dem Libanon in einem Montrealer Kino sah, führt seine beharrliche Entschlossenheit dazu, dass Jahrzehnte später tatsächlich die von ihm konzipierte „Cedar 8“ in den Weltraum abhebt. „Es gibt für den menschlichen Geist kein Niemals, höchstens ein Noch-Nicht“, zitiert Maroun el Shami eine der Texttafeln im Film, als er seinen Enkelinnen Lilit und Lina erzählt, wie das Abenteuer einst begann.
… Probleme von heute
Und doch klammert Jarawan die gegenwärtigen Probleme des Libanon nicht aus: literarisch gelingt ihm dies, indem der Roman am Schluss auf die katastrophale Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 zusteuert. Die massive Detonation, die durch 3000 Tonnen falsch gelagertes Ammoniumnitrat verursacht wurde, tötete 218 Menschen, mehr als 7000 wurden verletzt, große Teile Beiruts wurden zerstört. Laut Jarawan hat die Katastrophe die sozio-ökonomische Abwärtsspirale des Landes, das sich bereits in einer Wirtschafts- und Finanzkrise befand, beschleunigt: rund die Hälfte der Bevölkerung lebt heute unterhalb der Armutsgrenze. Außerdem beendete die Katastrophe damals eine Rebellion der Libanesen gegen Misswirtschaft und Korruption und zerstörte damit auf bittere Weise ihre Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Keine einfachen Lösungen
Abends in der Seidlvilla ging es dann anschließend in der Diskussion auch um die tragischen Ereignisse, die den Libanon heute erschüttern. Jarawan hat noch Familie dort, seine Angehörigen sind im Augenblick sicher. Aber gibt es eine Lösung für die desaströse politische Lage des Landes? Stellt der religiöse Proporz, der die Zusammensetzung von Regierung und Parlament bestimmt, eine unüberwindliche Hürde für Reformen dar? Ein Anfang wäre immerhin, meint Jarawan, wenn ein aufgrund seiner Konfessionszugehörigkeit eingesetzter Wirtschaftsminister wenigstens ökonomische Kompetenz besäße.
Läuft der winzige Libanon mit seinen rund sechs Millionen Einwohnern Gefahr, zu einem „Failed State“ zu werden? Provokante Fragen, auf die auch der deutsch-libanesische Schriftsteller keine einfachen Antworten parat hatte. Schon in seinem Debütroman „Am Ende bleiben die Zedern“ (2016) und später in „Ein Lied für die Vermissten“ (2020) – beides internationale Bestseller – hatte der Autor, verpackt in die Geschichten düsterer Familiengeheimnisse, über Flucht, Identität und die durch den libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) verursachten Traumata der Gesellschaft geschrieben. In den letzten zehn Jahren und durch das Schreiben seiner Romane habe sich sein Blick auf den Libanon verändert, räumt er ein. Früher habe er das Land romantisiert, inzwischen sei er ernüchtert. Der Schauplatz seines nächsten Werks könnte wohl woanders sein. Schreibt er schon? Der Autor lächelt und schüttelt den Kopf: „noch nicht“.
Wir danken Pierre Jarawan für einen spannenden und informativen Abend. Moderiert wurde er von Yvonne Esterházy.



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